Das Rathaus Rheydt in Mönchengladbach ist nicht nur ein administratives Zentrum, sondern ein bedeutendes architektonisches Zeugnis für den Stolz und den wirtschaftlichen Aufstieg der ehemals eigenständigen Industriestadt Rheydt am Ende des 19. Jahrhunderts.

– Rathaus Rheydt
Entstehung und Architektur (1894–1897)
Der Bau des Rathauses war das Ergebnis eines Architekturwettbewerbs, den das Büro der Kölner Architekten Robert Neuhaus und Karl Schauppmeyer für sich entscheiden konnte. Neuhaus, der 1894/95 seinen Wohnsitz direkt nach Rheydt verlegte, realisierte den Bau zwischen 1894 und 1897.
Architektonisch ist das Gebäude im Übergangsstil von Spätgotik zur deutschen Renaissance gehalten. Markante Merkmale sind:
Fassadengestaltung: Die Hauptfassaden bestehen aus fugendicht versetztem Weiberner Tuffstein, während die Gliederungen in kontrastierendem Buntsandstein ausgeführt sind.
Der Rathausturm: Ein 56 Meter hoher quadratischer Eckturm, der von flämischen „Beffrois“ (Glockentürmen) inspiriert wurde, prägt die Silhouette.
Künstlerischer Schmuck: Die Fenstergruppe des Ratssaales wird von allegorischen Figuren der „Stadtverwaltung“ und des „Bürgertums“ des Berliner Bildhauers Gustav Eberlein geziert. An der linken Ecke findet sich die Statue des „Ritters von Rheide“.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs erlitt das Rathaus schwere Schäden. Bei verheerenden Bombenangriffen im August 1943 und September 1944 wurden wesentliche Teile des Gebäudes vernichtet. Lediglich die markante Schaufassade zum Marktplatz blieb weitgehend erhalten. Die Innenstadt von Rheydt wurde insgesamt zu etwa 90 Prozent zerstört.
Wiederaufbau und Rekonstruktion
In der Nachkriegszeit wurde das Rathaus in mehreren Etappen wiederhergestellt und modernisiert:
Erweiterungen: In den folgenden Jahrzehnten entstanden verschiedene Anbauten, die zu einer teils verwinkelten Gebäudestruktur führten.
1954: Rekonstruktion des oberen Teils des Schaugiebels.
1977: Wiederaufbau des Turmhelms, der das historische Erscheinungsbild vervollständigte.

Rathaus Rheydt
Das historische Rathaus Rheydt besticht durch eine detailreiche Symbolik und eine Materialkomposition, die den damaligen Wohlstand der Industriestadt widerspiegelte.
Fassade und Materialität
Die Außenhülle zeigt ein bewusstes Spiel mit Farben und Texturen
Stilmix: Die Architektur nutzt Elemente der Spätgotik (z. B. Wimperge) und der deutschen Renaissance (z. B. die Form der Giebel), was typisch für den Historismus des späten 19. Jahrhunderts war.
Hauptflächen: Diese bestehen aus fugendicht versetztem Weiberner Tuffstein, einem hellen Vulkangestein.
Gliederungselemente: Fensterumrahmungen, Gesimse und Eckbetonungen sind in kontrastierendem Buntsandstein ausgeführt.
Bildhauerische Details und Symbolik
Das Gebäude sollte die Tugenden der Stadtverwaltung und der Bürgerschaft verkörpern:
- Ratssaal-Fenster: Über der zentralen Dreifenstergruppe des Saales thronen allegorische Figuren der „Stadtverwaltung“ und des „Bürgertums“, geschaffen vom renommierten Berliner Bildhauer Gustav Eberlein.
- Der Ritter von Rheide: An der linken Ecke des Gebäudes wacht die Statue des legendären „Ritters von Rheide“.
- Stadtwappen: Den Mittelwimperg (Ziergiebel) schmückt das Rheydter Stadtwappen, das von zwei Löwen gehalten wird.
Der Turm und der Altan
- Beffroi-Stil: Der 56 Meter hohe Turm orientiert sich an flämischen Beffrois (Glockentürmen), die im Mittelalter als Symbole bürgerlicher Freiheit galten.
- Hauptportal: Eine zweiläufige Treppe führt zum Eingang, der von einem Altan (einem balkonartigen Vorbau) überdacht wird. Darunter befindet sich der Zugang zum traditionellen Ratskeller.
Zentrale historische Aspekte
- Symbolische Bedeutung: Goebbels nutzte seine Heimatstadt Rheydt intensiv für propagandistische Zwecke. Das Rathaus war dabei Schaupunkt öffentlicher Inszenierungen, etwa wenn Goebbels die Stadt besuchte.
- Architektonische Details: In jüngerer Zeit gab es Diskussionen um vermeintliche Hakenkreuze in den dekorativen Mustern der Rathaustreppe, die im Rahmen der Aufarbeitung der Stadtgeschichte untersucht wurden.
- Verwaltung und Gleichschaltung: Als Sitz der Stadtverwaltung war das Rathaus das Zentrum der lokalen NS-Politik. Rheydt war zu dieser Zeit eine eigenständige Stadt (bevor sie später mit Mönchengladbach fusionierte) und Goebbels wurde zu ihrem Ehrenbürger ernannt.
- Zerstörung im Krieg: Bei dem schweren Luftangriff in der Nacht auf den 31. August 1943 erlitt die Innenstadt von Rheydt, einschließlich der Umgebung des Rathauses, massive Schäden.
Aktueller Stand: Rathaus der Zukunft
Im Rahmen des Großprojekts „Rathaus der Zukunft mg+“ wird das Areal derzeit umfassend transformiert:
- Erhalt: Das historische Rathaus und die ehemalige königlich-preußische Bezirkskommandantur bleiben als denkmalgeschützte Kernelemente erhalten.
- Abrissarbeiten: Seit Herbst 2025 laufen die Abbrucharbeiten an der Stresemannstraße, um Platz für moderne Neubauten zu schaffen.
Seit dem 19. Mai 2025 sind die Meldestelle Rheydt und die Bezirksverwaltungsstelle Süd in der Stresemannstraße 64 zu finden – im Gebäude der ehemaligen Gladbacher Bank.
