Die Evangelische Hauptkirche Rheydt (Hauptstraße 90, 41236 Mönchengladbach) ist ein bedeutendes Baudenkmal des Historismus und Jugendstils, das zwischen 1899 und 1902 nach Entwürfen des Architekten Johannes Otzen errichtet wurde. Sie dient heute als zentrale „Kirche für die Stadt“ und ist ein wichtiger kultureller Ort in Rheydt.
Die Evangelische Hauptkirche durchläuft aktuell eine umfassende Restaurierungsphase, bei der im Oktober 2025 mit dem Wiederaufsetzen der sanierten Turmspitze ein entscheidender Meilenstein erreicht wurde. Das historische Bauwerk aus dem frühen 20. Jahrhundert wird mit einem Millionenbudget instand gesetzt, um seine Funktion als zentrales Wahrzeichen von Rheydt zu sichern.
Architektur und Ausstattung
- Stilmix: Die Kirche kombiniert neugotische Elemente mit dem modernen Einfluss des Jugendstils.
- Kunstverglasung: Besonders sehenswert sind die 2012 neu gestalteten Fenster des Künstlers Thomas Kuzio, die eine Symbiose aus traditioneller Raumwirkung und moderner Glaskunst schaffen.
- Sauer-Orgel: Das Gotteshaus beherbergt eine historische Sauer-Orgel von 1902, die regelmäßig für anspruchsvolle Kirchenmusik genutzt wird.
- Bauzeit: Errichtet zwischen 1899 und 1902.
- Architekt: Entworfen vom berühmten Berliner Kirchenbaumeister Johannes Otzen.

Die Kirche wurde als Ersatz für einen zu kleinen mittelalterlichen Vorgängerbau errichtet, um der wachsenden Gemeinde während der Industrialisierung gerecht zu werden.
Restaurierung und aktuelle Arbeiten
Seit mehreren Jahren wird die Kirche sukzessive saniert. Die Arbeiten werden maßgeblich vom Bauverein Hauptkirche Rheydt unterstützt.
- Turmsanierung (2021–2025): Nach vier Jahren Abwesenheit wurde die rund 5,6 Millionen Euro teure, sanierte Turmspitze im Oktober 2025 wieder aufgesetzt.
- Fassadeninstandsetzung: Nach Abschluss der Turmarbeiten liegt der Fokus nun auf der Sanierung der Außenfassade. Hierfür sammelt der Bauverein weiterhin Spenden, unter anderem durch den Verkauf eines Jahreskalenders für 2026.
- Finanzierung: Das Projekt wird durch Eigenmittel der Gemeinde, Spenden des Bauvereins (zuletzt 50.000 Euro im Dezember 2025) und staatliche Fördermittel (ca. 355.000 Euro aus Bundesprogrammen) getragen.
- Zukunft: Die vollständige Sanierung des „Großprojekts Hauptkirche“ wird voraussichtlich noch einige Jahre in Anspruch nehmen.
Gottesdienste und Musik (2026)
- Sonntagsgottesdienst: Regelmäßig jeden Sonntag um 10:30 Uhr. Jeden 2. Sonntag im Monat wird dieser als Abendmahlsgottesdienst gefeiert.
- Orgelmusik zur Marktzeit: Samstags (oft um 11:30 Uhr) finden Kurzkonzerte mit Orgelmusik und Besinnung statt.
- Besondere Konzerte: Für das Frühjahr 2026 sind bereits Termine wie das Fauré-Requiem am 28. Februar 2026 um 18:00 Uhr angekündigt.
- Rheydter Musiksommer: In den Sommerferien finden an jedem Donnerstagabend Konzerte in der Kirche statt (Eintritt ca. 10 €).
Besuch und Kontakt
- Öffnungszeiten: Die Kirche ist in der Regel zu den Gottesdienstzeiten und Veranstaltungen sowie für Besichtigungen geöffnet. Aktuelle Informationen bietet die Website der Evangelischen Kirchengemeinde Rheydt.
- Barrierefreiheit: Der Zugang zur Kirche ist rollstuhlgerecht gestaltet.
- Erhalt: Der Bauverein Hauptkirche Rheydt engagiert sich aktiv für die Instandhaltung, etwa der Außenfassade und der Turmspitze.
In der NS-Zeit war die Evangelische Hauptkirche Rheydt (erbaut 1899–1902) ein Ort, an dem die Spannungen des „Kirchenkampfes“ und die physischen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs deutlich spürbar waren.
Evangelische Hauptkirche Rheydt und die NS-Zeit
Die Rolle im Kirchenkampf
Die Gemeinde in Rheydt war, wie viele evangelische Kirchen in Deutschland, gespalten zwischen den regimegetreuen Deutschen Christen und der oppositionellen Bekennenden Kirche.
Lokaler Bezug zu Goebbels: Rheydt war die Geburtsstadt von Joseph Goebbels, dem NS-Propagandaminister. Dies führte dazu, dass die Stadt und ihre öffentlichen Gebäude – einschließlich der Hauptkirche – unter besonderer Beobachtung standen und oft für repräsentative Zwecke der Nationalsozialisten instrumentalisiert werden sollten.
Widerstand: Ein Teil der Gemeinde engagierte sich im gewaltlosen Widerstand gegen den nationalsozialistischen Totalitätsanspruch.
Kriegsschäden und Zerstörung
Die Kirche erlitt während des Krieges schwere Schäden:
- Zerstörung der Fenster: Im Jahr 1943 wurden die ursprünglichen Fenster der Hauptkirche bei Luftangriffen vollständig zerstört.
- Wiederaufbau: Da keine Originalvorlagen für die Fenster existierten, untersagte die Denkmalpflege nach dem Krieg eine originalgetreue Rekonstruktion, was 2012 zur Gestaltung moderner Kunstverglasungen durch Thomas Kuzio führte.
Architektonische Symbolik
Trotz der ideologischen Vereinnahmung blieb die Kirche ein Wahrzeichen des Rheydter Marktplatzes. Die Architektur nach dem „Wiesbadener Programm“ betonte die Einheit von Kanzel und Altar, was der reformierten Tradition der Gemeinde entsprach und dem Pfarrer keinen herausgehobenen Status („Gleicher unter Gleichen“) verlieh – ein theologisches Konzept, das im Kontrast zum NS-Führerprinzip stand.
Der Wiederaufbau der Evangelischen Hauptkirche Rheydt nach 1945 war weit mehr als eine rein bauliche Instandsetzung; er markierte den Übergang von einer traumatischen Kriegszeit hin zu einer modernen, künstlerisch mutigen Neuausrichtung.
Nachdem die Kirche bei Luftangriffen im Jahr 1943 schwer beschädigt worden war – wobei insbesondere die gesamte Fensterpracht verloren ging –, stand die Gemeinde vor gewaltigen Trümmern. Da keine detaillierten Originalpläne der Fenster existierten, verbot die Denkmalpflege eine historisierende Rekonstruktion. Dies zwang die Gemeinde dazu, neue Wege zu gehen.
In den ersten Nachkriegsjahrzehnten blieb der Kirchenraum zunächst provisorisch und schlicht gestaltet. Erst viel später fand dieser Prozess seinen künstlerischen Höhepunkt: 2012 wurden die Fenster durch den Künstler Thomas Kuzio neu gestaltet. Seine abstrakte Glasmalerei bringt heute ein dynamisches Lichtspiel in den monumentalen Bau des Architekten Johannes Otzen und bricht mit der Schwere der Vergangenheit.
Der Wiederaufbau symbolisiert somit die Heilung einer Stadt, die durch die NS-Vergangenheit und die Zerstörung tief gezeichnet war, und transformierte die Hauptkirche in ein modernes Wahrzeichen der Versöhnung im Zentrum von Rheydt.
